50Cent??

24. Jun 2019 Heinz Kofler

Man sagte mir, das sei der Kunstname eines (etwas gewalttätigen) US-Bürgers: Curtis James Jackson, bekannt als „Gangsta rapper“, und nein, definitiv das assoziiere ich nicht. Ginge es nach den fantastischen Versprechungen einer Frau Ederer von 1995, wenige erinnern sich vielleicht noch - sie selber sicher nicht mehr, dann wären 50 Cent ein veritabler kleiner Geldbetrag, sagen wir mal für eine Wurstsemmel - in der Realität waren sie das nie, sind sie heute noch viel weniger. Allenfalls das Einpackpapier für die besagte Wurstsemmel bekommt man heute dafür als Gegenwert. Nur Politiker-Versprechungen haben auf lange Sicht eine noch höhere Inflationsrate als das Geld.

50 Cent: vielleicht 1 Ei ungekocht, ungefärbt, 5 Stollwerck, 1/4 Bleistift, eine verschämte freiwillige Spende in die Garderobespenden-Untertasse fürs barmherzige Versorgen der Wintergarderobe in Wohltätigkeitskonzerten??

Einzig die 50 Cent Briefmarke ist nach wie vor dafür erhältlich. Worum also diese 50 Cent, die eh nix mehr wert sind?

Das ist der Betrag, der insgesamt - also Futter, Medikamente, alle Ausgaben inklusive Gebäudeaufwand etc. für das durchschnittlich 28-tägige kurze Leben einer Küken-zu-Masthuhn-„Karriere“ aufgewendet wird, bis es in einer Schlachtungsfabrik mit ca. 27.000 (siebenundzwanzigtausend) anderen Leidensgenossen pro Stunde (!) wieder getötet wird (wir wollen ja gar nicht hinterfragen, wie das passiert) - um dann in Frischhaltefolie verpackt in den Regalen der Geiz-ist-geil-Supermärkte (ich weiß, dort gibt es gar keine Hühner, sondern Elektronikartikel) wieder auftaucht. Nun gibt es mehr als genug Leute, die das aus verschiedensten Gründen überhaupt nicht interessiert, wobei leider nicht wenige dabei sind, die sich Anderes nicht leisten können - auf jeden Fall boomen diese Geiz-ist-geil-Ketten weltweit, dumpen aufs Heftigste die Preise der Zulieferer, die wiederum aufs Übelste die der Hersteller, richtig!, sie haben es erraten, die wieder jene der Produzenten.

Ganz am Anfang dieser Kausalkette steht also das Küken stellvertretend für Kälber, Schweine, Fische in Fischfarmen, natürlich auch für Getreide, Früchte etc. - alles Endprodukte einer Profit maximierten – und nur so funktionierenden - Riesenmaschinerie. Am anderen Ende stehen wir, die Konsumenten, die Menschen, von denen die wenigstens selber biologischen Landbau und Tierhaltung betreiben können, die das also kaufen (Geiz ist geil! Interessanterweise als NB: macht er aber keineswegs geil, s. versteckte Hormone!), aber wie schon der heilige Nikolaus, Gott hab ihn selig, sagte („Ich habe ja nichts zu verschenken“!) und ohne zu verschenken also essen wir, und so wie jetzt stößt es uns mal wieder auf und wehklagend rülpsend ertönt der entsetzte Chor: “Industrielle Schmierfette in der Nahrung!!! Dioxin im Ei!“ Jetzt ganz aktuell: „Mikroplastik….. Entsetzlich, gar nix mehr ist sicher heute“.

Schon paradox: das, was am Ende der Nahrungsmittelkette steht und per Gesetz zu entsorgen ist, gerät wieder rein in die Nahrungsmittelkette, weil nun mal „Geiz ist geil“, und wenn man das „tierisch“ ernst nimmt, darf man nix, aber schon gar nix liegen lassen, was irgendwie verwertbar ist. Wir stehen am Ende und wieder am Anfang der Nahrungsmittelkette - einmal als Produzenten, einmal als Verbraucher.

Immer mehr Patienten kommen zu uns in das Allergieambulatorium mit Nahrungsmittel assoziierten Beschwerden - ein wirklicher Wandel der Zuweisungen in den letzten 10 Jahren - meist mit der Fragestellung einer Nahrungsmittelallergie. Ein Sammelsurium von Diagnosen, selten genug am Ende eine wirkliche Nahrungsmittelallergie, aber doch, und sehr häufig, subjektiv schwer empfundene Beschwerden in Zusammenhang mit Nahrungsmitteln, die auf einer Reihe anderer Mechanismen basieren. Das, was meine Mitarbeiterinnen und ich hier am Anfang zu erfahren versuchen, ist fast peinlich banal und dennoch wichtig: Wie ernähren sich die/der Betroffene?? Das gibt oft schon anfänglich Anlass zu veritablen Missverständnissen.

Viele - auch gebildete Patienten - gehen in unserer „zu funktionieren habenden Welt“ davon aus, dass die kleine Spende irgendeiner Körperflüssigkeit - also Blutabnahme, Stuhlprobe, eventuell Speicheltests - in High-tech-Geräte gesteckt, drinnen alchimistisch sublimiert, einen lückenlosen genauen Befund ausdrucken, so wie beim ÖAMTC-PKW-Ankaufstest, in sauberer Reihenfolge: a) was fehlt? b) was beim Durchchecken (sogar idente Wortwahl) herauskommt? c) also nicht vertragen wird? d) folglich weggelassen wird? und e) alles ist wieder “in Butter“ - sogenannte ABCDE-Regel des „Checker Mitbürgers“ CMB. (Abgesehen davon, dass dieses schräge Weltbild durch manche, schnell Geld verdienende Leute, die sich Ärzte, Apotheker, Heiler, oder schlicht nur Therapeuten nennen, gefördert wird! Fremdschämen??) Also bitten wir die Patienten, die kommen, gemäß der EDV-Programmierer-Regel „garbage in = garbage“ out, um ein Nahrungsmittel-Tagebuch - so über 14 Tage. Ein erster Test der Slow-food-Schocktherapie sozusagen.

Was manche NM-Tagebücher dann ergeben (der Großteil ohnehin nicht, weil nur irgendwie schnell 2 Tage vor dem Arzttermin auf irgendeinen Zettel gekritzelte Fragmente wie eine späte Beethovensymphonie-Paraphrase ein unscharfes Bild ergeben) ist tatsächlich oft sehr aufschlussreich und hilfreich und vermittelt nebenbei das entsetzliche Bild, was „Geiz ist geil“ mit der Esskultur (oder was sie dafür halten) einer großen Menge von Leuten letztlich gemacht hat: Kranke am Essen, Leidende an Nahrung, Verhungernde im Überfluss. Tendenz steigend.

Heinz Kofler

 

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